In den vergangenen Jahrzehnten sind auf dem Gebiet der Akutmedizin und Notfallmedizin grosse Fortschritte erzielt worden. Inwieweit gerade aus diesen Errungenschaften andere Belastungen resultieren, ist die Frage, die sich stellt.
Das „klassische“ oder morphologische (Strukturveränderungen im Gewebe) Krankheitsmodell ist immer noch so selbstverständlich, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, es könnte eventuell auch noch einen anderen Aspekt geben. Dabei müssten wir nur einen Blick über unseren wissenschaftlichen Zaun tun. Erstaunt würde man feststellen, dass es auch dort noch etwas gibt, das uns zwar fremd, aber nicht weniger der exakten Naturwissenschaft zugehörig ist.
Unsere medizinischen Denkmodelle basieren auf dem physikalischen Weltbild der vergangenen Jahrhunderte. So besteht in der heutigen Medizin im wesentlichen noch immer die Vorstellung der Monokausalität, die auf den Gesetzen der klassischen Mechanik beruht und von fiktiven Modellen abgeschlossener Systeme ausgeht.
Nun hat sich die Physik als Basiswissenschaft grundlegend gewandelt und mit ihr der Materiebegriff. Die scharfe Grenze zwischen Materie und Energie hat sich aufgelöst. Nebst Materie und Energie, die bekanntlich ineinander übergehen können, wurde noch eine dritte Entität des Universums postuliert: die Information. Diese dritte Wesenheit kann zwar Materie oder Energie als Träger nutzen, ist aber weder Materie noch Energie. Die neuen Wissenschaftszweige Kybernetik und Systemtheorie basieren auf Information.
Im kybernetischen Modell interessieren weniger die Strukturveränderungen des Gewebes, mit denen auf morphologischer Ebene die übergeordneten kybernetischen Störungen assoziiert sind oder sein können.
Was uns interessieren sollte, sind die Steuerungs- und Regelungsstörungen, die schliesslich zu den morphologischen Strukturveränderungen führen können (vegetative Syndrome). Priorität in der Krankheitslehre müsste also der Untersuchung dieser Steuerungsmechanismen zukommen.
Wie wird der Zustand Gesundheit erreicht und erhalten? Ist es die Information, die beispielsweise das Gewebe in Form hält? Wie wird sie übertragen und wodurch ist ihr Fluss gestört?!
Im Gegensatz zu den fiktiven, tatsächlich nirgends existierenden Modellen abgeschlossener Systeme, mit denen sich die klassische Physik vorwiegend beschäftigt hatte, sind lebende Organismen offene Systeme, die in ständiger Wechselwirkung mit ihrer Umgebung gehen. Leben ist nur möglich in einem ganz engen Bereich chemisch-physikalischer Gegebenheiten. Diese Gegebenheiten unterliegen aber durch Ausseneinflüsse laufend starken Veränderungen, die – wenn nicht sofort korrigiert – Leben zerstören, zumindest beeinträchtigen würden.
Voraussetzung für Gesundheit ist also ein völlig autonom funktionierendes Selbststeuerungssystem, in dem die durch äussere oder innere Einflüsse erfolgenden ständigen Abweichungen vom eng begrenzten erforderlichen Zustand eines Systems sofort erkannt und korrigiert werden. Dieses automatisch funktionierende Erkennungs- und Korrektursystem wird Regelkreis genannt.
Die Intergration des Prinzips der Regelkreisfunktion in unser medizinisches Denken erscheint somit ausserordentlich wichtig.